Sunday, September 17, 2006

Sein und Zeitzeichen

Und so rinnen die Sekunden
meines Lebens schnell dahin.
Jene, die den Traum erfunden,
lebt ja nicht mehr in Berlin.

Draußen fällt der Regen leichter,
seit er sich in Trauer hüllt,
und die Turmuhr, sie ist bleicher,
seit ihr Takt mein Leben füllt.

"Traure nicht um Juliane!"
sagt der Friedhofswärter mir.
"Hau doch lieber auf die Sahne!
Nimm ein Mädel mit zu dir!"

Und er bietet mir ganz ernsthaft
eine frische Leiche an.
"Bring sie morgen abend wieder,
daß ich sie bestatten kann."

Ich jedoch will Julianen.
Keine andre, nie Ersatz.
Sie alleine ließ mich ahnen
all der Ewigkeiten Platz.

Sunday, September 10, 2006

Das kleine Buch Pitbull

Vergangne Woche kam der Bote
und brachte das Paket zu mir.
Es war das Buch, das kleine rote,
er legte es vor meine Tür.
Verpackung riesig, Büchlein klein,
was mochte wohl der Inhalt sein,
des Büchleins da, des unbestellten?
Die wahre Lehre wahrer Helden?

Es ging darin um Hundezucht.
Vorgeblich. Sie sei eine Sucht,
hieß es gleich in den ersten Zeilen.
Ich solle mich nur ja beeilen.
Die allerschönsten Pitbulls fräßen
nur jene auf, die Bücher läsen.

Die Botschaft aber, die geheime,
nun, die erschloß sich nur dem Reime.
Die Hunde, die woll'n ewig leben
und ihren Herrn nicht alles geben.

Tuesday, September 05, 2006

Tokio Hotel

In Tokio, in Tokio
sind um halb sechs schon alle froh.
In München und in Ost-Berlin
da kriegen sie das niemals hin.
Drum geh ich mit dem Fräulein Geyer
auch nie zu einer Dance-Floor-Feier
in Ost-Berlin oder in München.
Da laß ich lieber gleich mich lynchen.
Ich geh mit ihr in ein Hotel
in Tokio. Das geht ganz schnell.
Und wenn wir das Hotel verlassen
liegt Friede über allen Gassen
der Riesenstadt im fernen Japan.
Und ich, ich denk nur immer da dran,
was mir das Mädchen leis zuhauchte.
"Die Jungs sind süß. Aber wer braucht'se?"

Friday, September 01, 2006

Der Depressive

Wer hätt gedacht, daß unser Fritz
ein ganz ein Depressiver ist?!
Er lacht doch gern, ist meist ironisch.
Kennt' alle Welt, auch Hans-Gerd Bonisch.
Wieso, so lautet hier die Frage,
gehört der Fritz zur Down-Etage?

Nun ja, er denkt manchmal ans Sterben.
Fragt: "Warum sann'S denn scharf auf's Erben?"
Manchmal, und das ist sehr daneben,
ist alles ihm nur eitel Streben.
"Barock-Mensch? Mei!", das hat er gsagt,
"war der Franz-Josef net. Kei Frag!
Barocke Menschen ham hinieden
das Jenseits gsehn, sogar im Frieden.
Vielleicht nicht alle, zugegeben.
Doch viele schon. Mitten im Leben.

Ham alle sich geirrt,
mit ihren Phantasien?
'Was nach uns kommen wird,
wird uns ins Grab nachziehn.'?"*

So also ist der Fritz, der arme,
ein Hascherl nur, daß Gott erbarme.
Wir rufen ihn dann irgendwann
mal wieder in der Klinik an.

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* An die Reim- und Formkritiker: Der wechselnde Reim und Rhythmus spiegelt den Ernst des dargetanen Gegenstands und ist nicht unbeabsichtigt.